Wenn ein Kind eine schwache (hypotone) Muskulatur, eine Diagnose aus dem Autismus-Spektrum und zusätzlich Wahrnehmungsstörungen und Dyspraxie hat, stehen Familien oft vor vielen Fragen:
Warum fällt meinem Kind Bewegung so schwer?
Weshalb reagiert es so empfindlich auf Geräusche oder Berührungen?
Und welche Therapie bringt wirklich etwas?
Die gute Nachricht: Mit der richtigen Förderung lassen sich Alltag, Entwicklung und Lebensqualität deutlich verbessern. Entscheidend ist dabei, die Besonderheiten nicht getrennt zu betrachten – denn Hypotonie, Dyspraxie, Autismus und sensorische Probleme beeinflussen sich gegenseitig.
Was bedeutet hypotone Muskulatur bei Kindern?
Hypotonie bedeutet eine verminderte Muskelgrundspannung. Viele Eltern beschreiben es so: Das Kind wirkt „schlaff“, sackt schnell zusammen oder ist beim Sitzen und Stehen instabil. Die Mundspannung ist herabgesetzt, Essen und Sprechen sind schwer zu erlernende Handlungen. (Weitere Info zu Hypotonie im Blogbericht -> Link)
Autismus und Wahrnehmung: Wenn Reize zu viel oder zu wenig sind
Viele Kinder im Autismus-Spektrum haben Besonderheiten in der sensorischen Verarbeitung. Das bedeutet: Das Gehirn verarbeitet Sinnesreize anders.
Handlungs-Dyspaxie
– von der Schwierigkeiten beim Umgang mit Gegenständen
- Probleme beim Nachahmen von Bewegungen oder Gesten (z. B. Winken)
- Schwierigkeiten beim Umgang mit Dingen (z. B. Löffel falsch halten)
- Verdrehen oder falsche Reihenfolge von Bewegungen (z. B. erst Socken anziehen, dann die Hose)
- Unfähigkeit, komplexe Handlungsabläufe (wie Sprechen) zu strukturieren.
Warum sich diese Kombination gegenseitig verstärkt
Die Kombination aus Hypotonie, Autismus und Wahrnehmungsstörung ist besonders herausfordernd, weil sich die Schwierigkeiten gegenseitig beeinflussen:
- Durch Hypotonie fehlt Stabilität → Bewegung wird anstrengend → das Kind vermeidet körperliche Aktivität.
- Durch sensorische Überlastung kann Bewegung unangenehm sein → das Kind blockiert oder reagiert emotional.
- Durch die Dyspraxie können vermeintlich leichte Anweisungen oft nicht umgesetzt werden.
- Durch Autismus fällt es oft schwer, Anweisungen zu verstehen oder Motivation über soziale Interaktion aufzubauen.
- Gleichzeitig ist das Bedürfnis nach Struktur hoch → spontane Therapieangebote funktionieren nicht immer.
Viele Kinder wirken dadurch unruhig oder zurückgezogen oder wild und aggressiv – dabei steckt häufig schlicht Überforderung dahinter.
1. Physiotherapie – Stabilität und Körperspannung aufbauen
Physiotherapie ist besonders wichtig bei Hypotonie. Ziel ist es, den Körper stabiler zu machen, damit das Kind sich sicherer bewegen kann.
Typische Therapieinhalte sind:
- Aufbau von Rumpfstabilität
- Förderung von Gleichgewicht und Koordination
- Kräftigung durch spielerische Übungen
- Training von Bewegungsabläufen (Aufstehen, Gehen…)
Häufig wird dabei nach Konzepten wie Bobath gearbeitet, die alltagsnah und tonus-regulierend sind.
Alltagsziel: Das Kind kann z.B. länger sitzen, sicher laufen, weniger stolpern und schneller neue Bewegungen lernen.


2. Ergotherapie – Wahrnehmung, Alltag und Feinmotorik fördern
Bei Kindern mit Dyspraxie oder Autismus und sensorischen Problemen ist Ergotherapie oft die zentrale Therapieform.
Hier geht es nicht nur um Basteln oder Stifthaltung, sondern um die Fähigkeit, den Alltag zu bewältigen.
Ergotherapie unterstützt unter anderem:
- sensorische Integration (Verarbeitung von Sinnesreizen)
- Feinmotorik (Greifen, Schneiden, Malen)
- Körperwahrnehmung (Propriozeption, Gleichgewicht, Hautsinn)
- Handlungsplanung (häufig erschwert bei Dyspraxie und Autismus)
- Selbstständigkeit im Alltag (anziehen, essen, Hygiene)
Viele Kinder profitieren besonders von sogenannten Tiefensensibilitäts-Angeboten, also Aktivitäten wie drücken, ziehen, tragen.
Alltagsziel: Mehr Selbstständigkeit, bessere Konzentration und weniger Überforderung durch Reize.


3. Logopädie – Kommunikation als Schlüssel zur Welt
Eine hypotone Muskulatur wirkt sich auch auf den Mund aus. Genauer gesagt auf die Lippen- und Zungenspannung, das Kauen und Schlucken. Die meisten PPP2-Kinder zeichnen sich optisch durch den schwachen Mundschluss und eine wenig definierte Mundpartie aus.
Logopädie kann helfen bei:
- Erhöhen der Spannung
- neurofunktionelle Reorganisation bei Dyspraxie
- Anbahnen der Koordination von Lauten
- Mundmotorik und ggf. Schluckproblemen
- unterstützter Kommunikation (UK)
Wenn Sprache nur eingeschränkt möglich ist, können Bildkarten, Gebärden oder Talker enorme Fortschritte bringen. Denn: Kommunikation reduziert Frust – und Frust reduziert herausforderndes Verhalten.
Alltagsziel: Das Kind kann Bedürfnisse ausdrücken und besser mit anderen in Kontakt treten.



4. Autismusspezifische Förderung – Struktur schafft Sicherheit
Kinder mit Autismus profitieren besonders von klaren, vorhersehbaren Abläufen. Deshalb sind Konzepte wie TEACCH in Kindergarten und Schule sehr hilfreich.
Das Ziel ist nicht Anpassung um jeden Preis, sondern: Stress reduzieren und Selbstständigkeit fördern.
Wichtig: Gute Therapie ist alltagsnah – nicht nur „1x pro Woche“
Ein entscheidender Punkt wird oft unterschätzt: Die beste Therapie bringt wenig, wenn sie nicht im Alltag ankommt.
Erfolgreiche Förderung bedeutet:
- Eltern werden aktiv angeleitet
- Übungen werden spielerisch in den Alltag integriert
- Kita und Schule werden einbezogen
- Ziele sind konkret und erreichbar
Gerade bei Hypotonie und Autismus sind kleine, regelmäßige Schritte wirkungsvoller als seltene, intensive Einheiten.
Therapie ist dabei nicht nur Training – sie ist vor allem Unterstützung, damit das Kind seinen Alltag besser bewältigen kann und seine Fähigkeiten sichtbar werden.

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