Wenn ich nicht weiß was kommt…
Wenn ich nicht weiß wo ich anfange und aufhöre und alles sich diffus anfühlt…
Wenn ich den Weg nicht kenne…
Wenn ich die Sprache nicht spreche…
Wenn nichts eindeutig ist…
–> dann muss mir all das von Außen gegeben werden.
Diese Worte beschreiben die Situation vieler neurodiverser Kinder im Alltag. Im folgenden Text hat Dina (Mama von Mattia, geb. 2012, mit Houge-Janssens-Syndrom (Form 1/PPP2R5D), Ergotherapeutin und Fachoberlehrerin für Körperbehinderte) wichtige Punkte zusammengetragen, wir wir unseren Kindern in verschiedenen Bereichen helfen können.

Aber wie kommt es dazu?
Ursachen:
– veränderte Wahrnehmung, viele Reize müssen stark sein (Druck am Körper), um gespürt werden zu können, andere sind schon in normaler Stärke unerträglich (Wind)
– Hypotonie, dieses Wort bezeichnet eine andauernd herabgesetzte Spannung der Muskulatur. Sie ist unter anderem für das veränderte Wahrnehmen verantwortlich. Gleichzeitig hindert sie unseren Körper den alltäglichen Prozess, uns die Stellung unseres Körpers im Raum zu vermitteln, richtig durchzuführen. Ebenso können schlappe Muskeln weniger gut gesteuert und koordiniert werden. Das Stabilisieren und Bewegen des Körpers funktioniert also nicht richtig. (Weitere Informationen zur Hypotonie im Blogbericht -> Link)
– Veränderungen im sozio-emotionalen Bereich, wie z.B. selbststimulierende, wiederkehrende, zwanghafte Verhaltensweisen oft auch aus dem Autismus Spektrum.
– abweichende kognitive Strukturen, wie geistige Behinderung oder Hochbegabung, die es mühsamer machen, durchschnittliche Denkmuster und damit die Umwelt richtig zu verstehen, sich zu orientieren und zu konzentrieren.
Wie kann den Kindern geholfen werden?
Wie oben schon beschrieben, kann Orientierung und Struktur von Außen als Unterstützung im ganzen Tagesverlauf durch verschiedene Stellschrauben gegeben werden:
Rituale
Zum Beispiel fängt jeder Tag gleich an und endet mit dem gleichen Ablauf (zur gleichen Zeit umziehen, danach Abendessen, im Zimmer vorlesen, die gleiche Einschlafmusik…)
Routinen in Abläufen
Innerhalb einer bestimmten Handlung z.B. Händewaschen werden die einzelnen Schritte immer in der gleichen Reihenfolge durchgeführt.
Regeln
Es gibt klare Regeln, was wann passiert, was erlaubt ist und was nicht. Willkür verunsichert Kinder und vermittelt ihnen nicht Freiheit.
Fertige Pläne
Kinder mögen fertige Pläne. Wenn diese exakt durchgeführt werden, erleben sie, dass das Leben vorhersehbar und steuerbar ist. Das gibt Sicherheit. Endlose Entscheidungen überfordern Kinder (und sogar Erwachsene, denkt man an die Wahl zwischen 50 Sorten Eis). Maximal sollte ein Kind vor eine Entweder-Oder-Wahl gestellt werden. Beide Auswahlpunkte werden von Außen benannt. Das ist ein gutes Maß an Selbstbestimmung.


Sichtbar gemachte Zeit
Zeit ist abstrakt. Durch Uhren, Kalender und Maßeinheiten haben wir sie für uns sichtbar gemacht. Da unsere Kinder diese Systeme oft nicht verstehen, brauchen sie andere Hilfen, um sich innerhalb des Tages, der Woche oder des Jahres orientieren zu können. Zum Beispiel durch Ablaufpläne mit Bildern oder Symbolen, von denen z.B. die vergangenen Tätigkeiten abgenommen werden, wie z.B. beim TEACHH Ansatz.

Kurze Zeitspannen können anhand eines Time-Timers oder einer Sanduhr sichtbar gemacht werden. Erinnerungen in Fotobüchern festgehalten werden. Das Wahrnehmen der Jahreszeit kann Draußen oder beim Anziehen gefühlt werden.(https://autismus-spektrum.com/autismus-teacch-ansatz/)


Ordnung und Struktur
…machen nicht nur unser Leben leichter, sondern auch das unserer Kinder. Dazu gehört, dass jeder Gegenstand seinen festen Platz hat. Unterstützt werden kann dies durch Ordnungssysteme wie Boxen, farbliche, symbolische Markierungen aber auch das Reduzieren der Gegenstände an sich z.B. an einem Haken hängt eine Jacke, die Plätze daneben sind leer.


Leichte, klare Sprache
Unsere Aussagen können von Kindern viel besser entschlüsselt (also von Wort zu Bedeutung decodiert werden), wenn sie kurz sind. Komplizierte grammatikalische Schachtelsätze stiften nur Verwirrung. Am besten sie enthalten ein zentrales Schlüsselwort z.B. gut in Verbindung mit dem Verb machen: “ gut gemacht“ oder auch aufbauend „gut“ , „gut gemacht“ und zum Schluss “ das hast du gut gemacht“.
Gerne kann dies durch die passende Gebärde unterstützt werden.
https://www.zieglersche.de/behindertenhilfe/schau-doch-meine-haende-an.html
https://www.aktion-mensch.de/dafuer-stehen-wir/was-ist-inklusion/was-ist-leichte-sprache
Vormachen und Zeigen von erwartetem Verhalten
Bei Schwierigkeiten im Durchführen von Bewegungen können diese durch Führung einer Person von außen besser in ihrem Ablauf nachvollzogen werden. Aus dem Wahrnehmen dieser Bewegung kann dann ein Imitieren entstehen. Z.B. das Hantieren mit einem Gegenstand. Eine Stufe darüber steht die Arbeit mithilfe der Spiegelneuronen, diese ermöglichen es dem Gegenüber, eine gesehene Handlung nachzumachen. Z.B. ein Lächeln oder das Reiben der Handflächen aneinander. (verwandtes Therapiekonzept: Affolter – https://wahrnehmung.ch/affolter-modell)
Belohnungssysteme
Wir alle wissen, dass Lernen dann gut funktioniert, wenn wir dabei gut gestimmt sind und besser noch, wenn wir einen positiven Effekt bemerken. Unsere Kinder sollten also bei neu Gelerntem bzw. erwünschten Verhalten gelobt werden. Und zwar: sofort, klar und so, dass es wahrgenommen wird (da muss es bei so manchem Kind ein bisschen mehr Action sein). Wichtig: was mag mein Kind? Empfindet es ein Lächeln als Lob oder 3 x drehen an der Spieluhr?
Stützende Umwelt
- Am Bett: Begrenzung z.B. durch Stillschlange und Schlafsack
- Im Haus: Handlauf
- Körper: Spio-Anzug, Stützmieder, Gewichtsweste oder -decke etc.
- Draußen: Kopfhörer



Beim Anziehen: sichere, bodennahe Sitzposition ggf. in einer Nische etc. (https://www.sensorische-integration.org/sensorische-integration/)
Bei hypotonen Kinden geben Hilfsmittel
…wie Orthesen, Therapiestuhl, Korsett usw. dem instabilen Skelett die richtige Position und Stabilität (mehr Infos dazu im Blogartikel zum Thema Hilfsmittel -> Link)
Klare Rückmeldung
Ein klares, betontes Stopp, begleitet durch die Gebärde ist zielführender, weil eindeutig, als eine lange Erklärung. Grenzen werden oft als etwas wahrgenommen, das auf seine Stabilität hin getestet werden will. Also müssen wir diese auch konsequent vertreten. Das Einfordern von Grenzen wird von Kindern meist nicht als „böse“ sondern als Verlässlichkeit des Gegenübers eingestuft.
Getaktete Wiederholungen
Wiederkehrende Handlungen geben nicht nur Sicherheit sondern sind Grundlage des Lernens. Unsere Kinder können gut lernen, wenn Dinge zwar wiederholt werden, allerdings sind für sie Pausen genauso wichtig. Am besten bevor die Erschöpfung eintritt. Der Lernprozess hat viel mehr Effekt, wenn kurze Sequenzen über den Tag verteilt werden. Achtung: Wir sollten uns klar machen, in wievielen Situation des Alltags unsere Kinder noch üben und sich anstrengen!
Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung
Um Situationen der Überforderung zu vermeiden, lohnt sich die Analyse des Tages unseres Kindes. Wo muss es sich anstrengen, wo üben, wo erlebt es Verunsicherung, wo Orientierungslosigkeit?
Manchmal kann schon der Wechsel von einer Situation in die andere anstrengend sein. Nicht immer können funktionierende Unterstützungssyteme gefunden werden. Dann können Pausen helfen. Werden diese schon von vornherein, regelmäßig wiederkehrend in den Tag eingeplant, kann ein Gleichgewicht entstehen.


Möglichkeiten zur Selbstregulation
In diesen Pausen sollte sich das Kind entspannen können. Hilfreich sind Ruhe, Reizarmut und eine vertraute Umgebung oder Tätigkeit. Auch basale Stimulation (https://basale-stimulation.de), wie Schaukeln oder das Erfahren enger Begrenzungen kann positiv sein.
Bestenfalls findet das Kind selbst Möglichkeiten sich selbst zu regulieren, meist jedoch benötigt es auch hier Hilfe von außen.
Bindung Beziehung
Eltern sind in der Begleitung ihrer Kinder über konstante Anwesenheit während der Entwicklung der wichtigste Anker. Während alles sich verändert bleibt dieser Bezug. Nur aus der Sicherheit dieser Bindung können Kinder selbständig werden, das gilt für neurodiverse Kinder noch viel mehr.


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